Spezies: Backpacker, der [-, die]

Gastbeitrag von Claudi um die Welt

Eine ironische Evolutionstypologie

Ich war auch mal einer: ein Backpacker. Diese spezielle Spezies des Reisenden zeichnet sich im Allgemeinen durch junges Alter (also in den Zwanzigern), einen gesunden Rücken und einen großen Rucksack – das Backpack – aus, den es zur Not und im immer geltenden Sparfall kilometerweit von Flughäfen, Bus- und Zugstationen zur möglichst günstigen Bleibe schleppt. Darüber hinaus hat der Backpacker einen hohen Geselligkeitssinn, gibt sich gern sinnsuchend und scheint chronisch pleite zu sein.

Daher gehen Backpacker auch gerne Kompromisse ein: Sie tragen zum Beispiel weniger Gepäck durch die Lande als Kofferträger. Sie können gut und gern einen Woche lang in denselben Klamotten existieren. Da zum günstigen Übernachten das Schlafen in einem sehr oft sehr durchgelegenen, weichen Bett mit anderen Menschen in einem Dorm, einem Mehrbettzimmer, gehört, ist dem Backpacker von Anfang an die Möglichkeit geboten, in seiner Unterkunft – dem Hostel – Wäsche und sich selbst zu waschen.

Das macht den gemeinen Backpacker zu einem Selbstversorger und selbständigen Bald-Erwachsenen, der das Leben meistern kann. Auch haben Backpacker keine Probleme sich selbst mit Essen zu versorgen. Die erste Info am Check-In Schalter des Hostels ist daher fast immer: „dort gibt es einen Supermarkt“. Er ist meist um die Ecke.

Das Hostel seinerseits macht es den daheim lieber von Muttern bekochten Jungs und Mädels besonders einfach und stellt Kochgeschirr & Co zur Verfügung für die, die jetzt sich selbst verköstigen müssen. Und es sogar können. Und was sie dabei alles auftischen! Nicht nur aufgewärmte Dosenpasta! Da werden Steaks gebraten und Kartoffeln gekocht, Brokkoli gewaschen und ja, sogar die Tomatensauce für die Pasta wird plötzlich mit Tomaten und Kräutern zubereitet. Leider verlieren Backpacker diese Fähigkeit meist wieder, sowie sie zurück in heimischen Gefilden sind. Aber das dauert, denn Backpacker reisen natürlich länger als andere.

Sie hängen tagelang in den Lounges, TV- und Aufenthaltsräumen der Hostels ab, spielen Gitarre, quatschen Gleichgesinnte an und checken die Pinnwand der Herberge nach Arbeitsangeboten und Schnäppchen jeglicher Art. Für die gerne abgehaltene Party im Unterkunftsbereich muss schließlich ausreichend Nahrung herangeschafft werden. Das Gemeinschaftsgefühl reicht bis in die Großdusche. Individueller wird es meist bei der Anbahnung von Zweisamkeiten zwischen Single-Backpackern, ein ganz eigenes Kapitel.

Der Backpacker steigt in seiner Art auf, wenn er zum Mitarbeiter seiner Unterkunft wird. Es gibt fast kein Hostel, dessen Staff nicht aus aller Herren Länder stammt und selbst nur für 1 Monat auf der Durchreise seinen Dienst für freie Unterkunft tut. Aber wer kann andere Backpacker besser beraten als die coole Sau, die bereits seit Monaten an diesem Ort festsitzen und bereits alle Abenteuerangebote der Stadt oder Ortschaft ausprobiert hat? Der Backpacker wird im Laufe seines Trips schnellstmöglich die besten Deals für Essen und Entertainment herausarbeiten. Auch hier hilft der Hafen eines jeden Backpackers: der Travel Desk des Hostels.

Diese einzigartige Allianz aus Unterkunft und Untergekommenen bricht erst mit Abreise und vor allem: dem Ankommen am Ausgangsort. Oder automatisch mit 31. Ab dem Überschreiten einer bestimmten Altersgrenze wandelt sich der Backpacker. Die Geräusche in den dünnwandigen Gemeinschaftszimmern sind plötzlich nicht mehr zu ertragen. Zur Dusche über den Flur laufen und in Duschkabinen umständlich aus- und anziehen, ist ab sofort eine Zumutung.

Auch die Tatsache, dass man im Urlaub und auf Reisen nun auch noch selbst kochen soll, erscheint einem sinnlos und lästig. Das Backpack kommt einem vor wie eine Dauerkaries, die immer wieder neu aufgebohrt und gefüllt werden muss. Die Mühen des Suchens nach Spardeals entpuppen sich als Milchmädchenrechnung, deren Mühen sich im Sparen nicht auszahlen. Und der Typ, der mit 35 noch auf der Couch eines Hostels sitzt und Brian Adams-Songs imitiert, tut einem nur noch leid.

Ich reise immer noch mit Backpack, hauptsächlich, weil mein Rücken beim Koffertragen in den 4. Berliner Altbau-Stock einfach noch mehr ächzt. In Hostels übernachte ich nur noch, wenn der Geiz Macht über mich ergreift und ich nicht mehr als eine Übernachtung benötige. Wenn ich im Urlaub ausschlafen möchte, nehme ich mir doch lieber ein Hotelzimmer oder eine Pension.

Da trifft man auch Leute, hat sein eigenes Bad, kann Wäsche waschen lassen, bekommt das Frühstück serviert und wird von Einheimischen über Ausflugsmöglichkeiten beraten. Cool ist das natürlich nicht mehr, aber liebe Jetzt-Backpacker, das Bedürfnis nach der Coolness des Weltenbummelns kann man auch auf andere Lebensabschnitte und Existenzarten übertragen. Keine Angst also, wenn das Backpacker-sein am Ende keine philosophische Wende in der Sinnsuche ergeben hat. Es bleibt immer noch das Reisen – sogar mit Koffer.

p.s. Falls jemand Einspruch erheben möchte (kann er gerne machen) und auf die teilweise in Hostels auftretenden deutlich älteren Herrschaften mit Backpacks anführen möchte: die sind nur in Backpacker-Unterkünften weil: 1. Nichts anderes mehr frei war, 2. Sie keine Hotels kennen, 3. Der Sparwahn sich durchgesetzt hat oder 4. Sie schon als Jugendherbergskind erzogen wurden (eine eher ausstrebende Spezies, wie ich denke.)

Dieser Artikel wurde durch Claudis Aufenthalt in Neuseeland inspiriert. Dort hat sie im Jailhouse Accomodation (siehe Bild), im gemütlichen YHA Franz Josef  und im Base Hostel Queenstown übernachtet.

Nimmt sich selbst nicht immer so ernst und kommt für solche Artikel deshalb in den Knast - Claudi im Jailhouse Hostel Christchurch

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